
Euro unter Druck: Wie der Iran-Konflikt Wachstumsängste in Europa schürt
Von Redaktion aktie.com
Kernaussagen
- Der zusammengesetzte Eurozonen-PMI fiel im März 2026 auf 50,5 Punkte nach 51,9 im Vormonat – der schwächste Wert seit zehn Monaten
- Die Teuerung bei Vorleistungskosten beschleunigte sich auf das höchste Tempo seit Februar 2023, getrieben von Energie- und Treibstoffpreisen
- Laut S&P Global deuten die PMI-Werte auf ein BIP-Wachstum von knapp unter 0,1 Prozent im ersten Quartal 2026 hin
- Mehrere Reedereien haben Buchungen zu Häfen am Persischen Golf wegen militärischer Spannungen ausgesetzt
- Die Lieferzeiten der Zulieferer erreichten den schlechtesten Stand seit August 2022
- Die Hans-Böckler-Stiftung prognostiziert für 2026 ein Gesamtwachstum von lediglich 0,9 Prozent im Euro-Raum
Die Wirtschaft im Euro-Raum verliert deutlich an Schwung: Der zusammengesetzte Einkaufsmanagerindex (PMI) von S&P Global fiel im März 2026 auf 50,5 Punkte, nach 51,9 Punkten im Februar. Analysten hatten mit einem Wert von 51,0 gerechnet. Das ist der schwächste Wert seit zehn Monaten und bewegt sich nur knapp über der Schwelle von 50 Punkten, die Wachstum von Schrumpfung trennt. Als Hauptursache identifizieren Volkswirte die wirtschaftlichen Auswirkungen des Iran-Konflikts, der sowohl Energiepreise als auch globale Lieferketten unter Druck setzt.
Stagflationsmuster zeichnet sich ab
Die aktuellen PMI-Werte signalisieren ein klassisches Stagflationsszenario: nachlassendes Wachstum bei gleichzeitig anziehender Inflation. Nach Berechnungen von S&P Global deuten die Umfragewerte darauf hin, dass das Bruttoinlandsprodukt im Euro-Raum im ersten Quartal 2026 nur noch mit einer Quartalsrate von knapp unter 0,1 Prozent wächst. Die Hans-Böckler-Stiftung prognostiziert in ihrer IMK-Prognose ein Gesamtwachstum für 2026 von lediglich 0,9 Prozent, mit einer Erholung auf 1,6 Prozent im Jahr 2027.
Besonders alarmierend entwickelt sich die Kostenseite: Die Teuerung bei den Vorleistungskosten im Euro-Raum beschleunigte sich auf das höchste Tempo seit Februar 2023. Die Lieferzeiten der Zulieferer erreichten den schlechtesten Stand seit August 2022. Der Preisindex signalisiert laut S&P Global, dass die Verbraucherpreisinflation wieder in Richtung drei Prozent anziehen könnte.
Energiepreise und Logistikketten als Haupttreiber
Die militärischen Spannungen in der Region um die Straße von Hormus – eine der wichtigsten Transportrouten für Öl und Gas weltweit – wirken sich massiv auf die europäische Wirtschaft aus. Stark steigende Energie- und Treibstoffpreise belasten Unternehmen und Verbraucher gleichermassen. Die Hans-Böckler-Stiftung warnt, dass kurzfristig die Energie-, Sprit- und Strompreise weiter steigen könnten, was die Inflationsrate in Europa erhöht und den Konsum verteuert.
Judah Levine, Forschungsleiter beim Frachtplattform-Anbieter Freightos, beobachtet bereits konkrete Auswirkungen: „Die US-israelischen Angriffe auf Iran und die anschließende iranische Reaktion sorgen für massive Störungen in der Logistik der Region." Mehrere Reedereien haben Buchungen zu Häfen am Persischen Golf wegen der militärischen Risiken ausgesetzt. Die gestörten Lieferketten im Schiffsverkehr treiben die Transportkosten und verschärfen den Preisdruck.
Dienstleistungssektor besonders betroffen
Die Wachstumsabkühlung geht vor allem auf den Dienstleistungssektor zurück, dessen Aktivität im März nahezu stagnierte. Neue Aufträge gingen erstmals seit acht Monaten zurück – ein deutliches Zeichen für nachlassende Nachfrage. Der Dienstleistungssektor macht rund 70 Prozent der Wirtschaftsleistung im Euro-Raum aus, weshalb eine Schwäche in diesem Bereich die Gesamtentwicklung erheblich belastet.
Die Kombination aus steigenden Betriebskosten durch höhere Energiepreise und sinkender Nachfrage setzt Unternehmen unter Druck. Viele können die gestiegenen Vorleistungskosten nicht vollständig an Kunden weitergeben, was die Gewinnmargen schmälert.
Minimaler Direkthandel, maximale Auswirkungen
Paradoxerweise trifft der Iran-Konflikt die europäische Wirtschaft massiv, obwohl die EU kaum direkten Handel mit Teheran betreibt. Die Auswirkungen verlaufen über indirekte Kanäle: Die Spannungen im Nahen Osten treiben die globalen Energiepreise, unabhängig davon, ob Europa direkt iranisches Öl bezieht. Zudem nutzen europäische Unternehmen Transportrouten durch die Region für den Handel mit Asien, sodass Störungen in der Straße von Hormus weitreichende Folgen haben.
Märkte preisen EZB-Kursänderung ein
Die verschärfte Inflationsdynamik verändert auch die Erwartungen an die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Laut Marktberichten haben Investoren begonnen, für 2026 eine mögliche Zinserhöhung der EZB einzupreisen statt der zuvor erwarteten weiteren Zinssenkungen. Die Zentralbank steht damit vor einem Dilemma: Einerseits würde eine restriktivere Geldpolitik die Inflation dämpfen, andererseits könnte sie das ohnehin schwache Wachstum weiter abwürgen.
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob sich die Stagflationssignale verfestigen oder ob die Wirtschaft im Euro-Raum ihre Widerstandsfähigkeit unter Beweis stellen kann. Entscheidend wird sein, wie sich die geopolitischen Spannungen entwickeln und ob die Energiepreise auf dem aktuellen Niveau verharren oder weiter steigen.
Quellen
- Treibt der Iran-Krieg Europa in die Stagflation? | Euronews
- Iran-Krieg: Wie verwundbar sind Europas Volkswirtschaften? | Euronews
- Könnte der Iran-Krieg eine Wirtschaftskrise und EZB-Zinserhöhungen auslösen? | Morningstar
- Trotz minimalen Handels: Warum der Iran-Konflikt Europas Wirtschaft trotzdem trifft | Euronews
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